P-Seminar Latein

"Inschriften in Bamberg und ihre touristische Verwertung"




Die Inschrift am alten Gymnasium
D.O.M.S.
IOANN: GODEFRIDVS EPISC: BAMBERGEN:
S. R. IMP. PRINCEPS
AERE QVOD EIVS OLIM DECESSOR P. M. NYTHARTVS
PIETATE MORIENS DESTINARAT
PIETATI BONISQ. LITTERIS.
GYMNASIVM SOCIETATI. IESV. P.
A. DO. MDCXIII.


Darstellung der Inschrift in der Auri fodina von J. S. Schramm (18. Jh.)
Was sagt uns die Inschrift?
Wie wir schon gelernt hatten, sind bei Inschriften die Abkürzungen das große Problem für den Laien.
Wir brauchten also Hilfe in der ersten Zeile bei D.O.M.S., dann in der 3., 7. und 8. Zeile.
Vervollständigt liest sich die Inschrift so:


Deo optimo maximo sacrum.
Ioannes Godefridus, episcopus Bambergensis,
Sacri Romani Imperii princeps,
aere, quod eius olim decessor piae memoriae Nythartus
Pietate moriens destinarat,
pietati bonisque litteris
gymnasium Societati Iesu posuit
anno domini MDCXIII.


Auch auf der Wortschatzebene mussten einige Bedeutungen geklärt werden:
episcopus - Bischof, aes, aeris n. - das Geld, decessor - der Vorgängerdestinare - bestimmen,litterae bonae - die schönen Wissenschaften
Die Eigennamen benennen in heutiger Schreibweise den Bischof Johann Gottfried von Aschhausen (1609-1622) und den Bischof Neithart von Thüngen (1591 - 1598).
Übersetzungsversuch:

Dem besten und größten Gott geweiht!
Johann Gottfried, Bischof von Bamberg,
Fürst des heiligen römischen Reiches,
überträgt mit dem Geld, das sein Vorgänger Neithart seligen Gedenkens einst
in Frömmigkeit sterbend bestimmt hat,
für die Frömmigkeit und die schönen Wissenschaften
das Gymnasium dem Jesuitenorden
im Jahre des Herrn 1613.


Quellen:

BREUER, T. u. GUTBIER, R.: Die Kunstdenkmäler von Oberfranken, Stadt Bamberg, Innere Inselstadt. 2 Halbbände. Bamberg: Bayer. Verlagsanstalt, 1990; S. 394-401 (bes. 398).
BAUER, L.: Bamberg. Lindauers lateinische Quellen; lokalhistorische Texte. München: Lindauer, 1984; S. 47-49.

MWG P-Seminar: Unsere Anmerkungen dazu:
Weiterleben antiker Tradition:

  • Übernahme antiker Formeln:

    -Deo optimo maximo von der Formel, die sich an antiken religiösen Gebäuden befindet:Iovi optimo maximo
    -Benennung des Fürstbischofs als „princeps“: Beiname römischer Kaiser der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, vgl. die Regierungsformel des Augustus: „princeps inter pares“
    •Bezeichnung des deutschen Reiches als imperium Romanum:
    Ideologie der „translatio imperii“, der Übertragung des weströmischen Kaisertums auf Karl den Großen (800), als dessen Nachfolger und damit als Nachfolger der weströmischen Kaiser sich die deutschen Kaiser fühlen; allerdings ist dieser Anspruch im 17. Jh. zu einer bloßen Formel geworden.
  • Selbstdarstellung des Herrschenden, hier des Fürstbischofs

    - Übertreibung der eigenen Machtposition: Der Vergleich eines Bamberger Fürstbischofs mit dem mächtigsten Herrscher der antiken Welt ist in seiner Unangemessenheit geradezu lächerlich.
    - Betonung der eigenen Frömmigkeit (Piae memoria) und der seines Vorgängers (pietate/pietati)

    Dieser Bischof aber ging in die Geschichte als der schlimmste Hexenverfolger Europas ein. Seine pietas muss uns also – bei aller Berücksichtigung des historischen Zeithorizonts, in dem die Menschen damals gelebt haben – als äußerst fragwürdig vorkommen.(Historische Romane zur Hexenverfolgung:
    ? , Die Hexe von Zeil
    Sabine Weigand, Die Seelen im Feuer
    Ingeborg Engelhardt, Hexen in der Stadt
    Frage, ob die Menschen des 17. Jh.s in dem von ihnen erfahrenen Zeithorizont die Hexenverfolgungen als Verbrechen hätten erkennen müssen; Hinweis auf den Vorkämpfer gegen die Hexenverfolgung, Friedrich von Spee
  • Errichtung des Alten Gymnasiums wie die Errichtung der Martinskirche ein Akt der Gegenreformation, getragen vom zentralen Orden der Gegenreformation, den Jesuiten.
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Die Inschriften im Innenhof des Josefsheim der Salesianer an der Jakobskirche


Die Inschriften sind an den vier Wänden in jeweils zwei übereinander liegenden Reihen angebracht.Ihr allgemeiner Tenor ist die Aufforderung zu Tatkraft und zu christlichen Tugenden.Heidnisch-Antikes und spezifisch Christliches gehen dabei mehrmals eine Synthese ein, wie sie für das 18. Jahrhundert selbstverständlich ist:
Antik-heidnische Kultur und christliches Gedankengut sind – anders als z.T. in der Spätantike – problemlos zu einem großen, humanistischen Traditionsstrom zusammengeflossen.
Dies zeigt sich an der christlichen Umformung des ciceronianischen Dum spiro, spero zu Dum oro, spero sowie an der Ergänzung des Iuvenalschen Mens sana in corpore sano zu
Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano
Eine weitere Synthese der beiden Bildungsmächte offenbart sich in den Inschriften
Ubi caritas et amor // Deus ibi est.
Ohne weiteres werden hier zwei Begriffe zusammengespannt, die von den frühen Christen scharf getrennt wurden:
Da amor in einer sexuell stets freizügigen Antike zu erotisch besetzt war, wählten die ersten christlichen Schriftsteller genau begriffsgeschichte erforschen! das unverdächtige caritas, um ihre Vorstellung von Nächstenliebe zu kennzeichnen.Diese scharfe Trennung ist in der uns vorliegenden Inschrift aufgegeben worden, beide Wörter werden wie Synonyme gebraucht.Dazu kommt, dass unter der ersten Inschrift eine Frau mit nacktem Oberkörper dargestellt ist, die vom Ertrinkungstod bedroht ist:
Auch hier spürt man eine erotische Note, die in früheren christlichen Darstellungen schwer vorstellbar gewesen wäre.
Lokalkolorit dringt ein, wenn in dem der Inschrift Deus ibi est zugehörigen Medaillon unter dem Dreieck der sancta trinitas ein fränkisches Kirchlein erscheint.
Antike Sätze der Tatkraft und Energie zieren die nördliche (?) Wand:
Nulla dies sine linea - Iucundi acti labores - Finis coronat opus
Herkunft der Zitate!
Die Inschriften der östlichen Wand setzen diese Appelle fort, diesmal allerdings mit christlichen Vorzeichen:
Ora et labora - Servite domino in laetitia - Dum oro spero
Über die südliche Wand erstreckt sich ein Spruch, der ebenfalls Christliches mit heidnisch-antiker Kultur mischt und ebenso zu einem beherzten Lebensvollzug aufruft:
Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano
Unter dieser Inschrift befindet sich ein hochinteressantes Medaillon, das einen Hund zeigt, der gerade in einen Igel beißen will, darüber folgender Satz:
Canis mordendo laedit se ipse: „Der Hund verletzt durch Beißen sich selbst.“
Bild und belehrende Inschrift erinnern sofort an eine Fabel, doch findet sich weder bei Aisop noch bei Phaedrus eine Fabel dieses Inhalts.Könnte die Inschrift eine Grundlehre der Stoa, des von ihr beeinflussten Christentums sowie der Ethik der Aufklärung im Bilde darstellen?
Der Mensch ist von Natur aus, d.h. vor diesem geistesgeschichtlichen Hintergrund von Gott aus dazu berufen, gut zu handeln. Tut er das nicht, dann verletzt er nicht nur seinen Nächsten, sondern vor allem sich selbst, da er seinem Wesen, seiner Berufung nicht gerecht wird, vgl Kant: Du sollst gut handeln „aus Achtung vor der Menschheit in dir und anderen.“
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Die geschichtsphilosophische Konzeption im Kaisersaal der Neuen Residenz zu Bamberg


Durch bildliche Darstellungen sowie Inschriften wird eine geschichtsphilosophische Rechtfertigung der Habsburger Dynastie versucht:
Zunächst führen vier Bildkompositionen den Verlauf der Geschichte auf vier Weltreiche zurück: auf Babylon, das Perserreich, das alexandrinische Reich und schließlich auf das römische Imperium. Diese Interpretation fließt aus einem in Spätantike und Mittelalter wohlbekanntem Verständnis von Geschichte, das seinen Ursprung in der Geheimen Apokalypse des Johannes hat.
In der Neuen Residenz liegt ein Schwergewicht der Darstellung auf dem römischen Reich, das durch verschiedene Machtinsignien hervorgehoben wird:
Triumphwagen etc
Allen Reichen zugesprochen wird das „gute Regiment“, das durch erneut mit römischen Machtzeichen (Lorbeerkranz, Triumphwagen) ausgestattete Frau allegorisch im Deckengemälde versinnbildlicht wird: Auf einer Papyrusrolle entfaltet sie als ihr Programm leicht abgeänderte Verse aus der berühmtesten Textpassage der Aeneis, der sog. „Heldenschau“ des sechsten Buches:
Parcere subiectis et debellare superbos, hae mihi sunt artes
Aus diesem Anspruch an die eigene Herrschaft ergibt sich natürlich eine erste Herrschaftslegitimation.
Die lückenlose Sukzession der Herrschaft von den römischen Kaisern bis hin zu den Kaisern des sacrum imperium Romanum nationis Germanicae ergibt sich aus der Kaiserdarstellungen an den Seitenwänden des Saals: Dort sind zwischen die überlebensgroßen Abbilder der deutschen, meist habsburgischen Kaiser Medaillons zahlreicher, z.T. für die römische Geschichte entscheidender römischer Kaiser eingefügt.
Die im Deckengemälde erscheinende Allegorie des „guten Regiments“, das (allerdings nicht ausdrücklich, sich aber aus dem gesamten Sinnzusammenhang notwendig abzuleitend) den jeweiligen Imperien zugeschrieben wird, versucht, die Herrschaft dieser Imperien – und damit auch die Herrschaft der Habsburger) auf verschiedene Weise zu rechtfertigen:
Zum einen nimmt der Herrschende für sich in Anspruch die Qualität eines „guten“ Regiments: Worin könnte dieses bestehen:

  • Da das „gute Regiment“ als weibliche Gestalt in Erscheinung tritt, klingt „weibliche“ Milde, Nachsicht Fürsorge an;
  • Das Einherfahren auf dem Triumphwagen des römischen Feldherrn lässt aber auch Härte erahnen, dort, wo sie notwendig erscheint: Das Zitat debellare superbos unterstreicht dies noch.

Zum anderen ist die Gottgewolltheit des „guten Regiments“ im wahrsten Sinne augenfällig:
Der Triumphwagen der Herrscherin fährt unter einem Himmelsfirmament: So ist die Nähe zum göttlichen Willen, ja die Übereinstimmung mit ihm signalisiert.
Aber auch die der Aeneis des Vergil entlehnten Verse, die am Beginn des !8. Jh.s jeder Gebildete auswendig beherrschte, sind bei Vergil letzten Endes Willensbekundungen Jupiters, also Gebote einer göttlichen und damit nicht zu widerlegenden Autorität.
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